Grosse Zahlen, stürmische Zeiten
Wir leben in stürmischen Zeiten, in Zeiten mit grossen Zahlen und grossen Ereignissen. Faszinierend ist die
"Urknallmaschine" am CERN in Genf: Mit einer Energie von
1 146 000 000 000 000 Elektronenvolt sollen Blei-Ionen im neuen rd. 26 700 m langen Kanal kollidieren. Die Forscher erhoffen sich daraus Erkenntnisse zur Frage, woher alles kommt und wie es dereinst enden wird. Hoffen wir, dass diese Experimente nicht vorzeitig in einem Schwarzen Loch enden werden
In ein anderes gewaltiges Loch schauen wir heute schon:
1 000 000 000 000 Dollars haben sich in den Bilanzen der Banken und Versicherungen in relativ kurzer Zeit in Luft aufgelöst als Folge des Zusammenbruchs der
US Immobilien-Blase. An den Börsen hat sich diese Schockwelle auf praktisch alle Aktien mit der üblichen Verstärkung ausgewirkt: Seit dem letzten Höchststand errechnet sich bis heute weltweit ein Börsenverlust von bald
5 000 000 000 000 Dollars. Obwohl uns Schweizer das Grounding der Swissair eines Besseren belehrt haben sollte, hat niemand für möglich gehalten, dass solch renommierte Tripple A-Firmen wie UBS, Lehmann Brothers, Merrill Lynch oder AIG ins Schwanken geraten oder gar verschwinden könnten.
Mit derart grossen Zahlen haben bisher nur die Astrophysiker gerechnet. Für uns Schweizer Wirtschaftsleute waren die rund 500 bis 600 Mrd. Franken, die wir während langen Jahrzehnten in den Pensionskassen angespart haben oder das etwa gleich hohe Bruttosozialprodukt, das wir während emsigen 365 Tagen eines Jahres erarbeiten, ungefähr die grössten Nullenreihen.
An Nullen denkt man natürlich sofort auch, wenn man nach den
Schuldigen dieses Finanzdebakels sucht. Sind die einzig Schuldigen das relativ kleine Trüppchen Investmentbanker, die von Gier getrieben das Geld anderer Leute mit einem abenteuerlichen Casino-Leverage in Spiel geworfen und verloren haben? Oder muss man sagen, von nichts kommt nichts – wer nichts wagt, gewinnt nichts? Vielleicht müssen wir mit naturgegebenen Zyklen leben: Mit der als Schweinezyklus bekannten zeitversetzten Rückkoppelung von Angebot, Nachfrage und Preis? Möglicherweise ist die aktuelle weltumfassende systemische Finanzkrise nichts anderes als die vom österreichischen Wirtschaftswissenschafter Joseph Schumpeter postulierte schöpferische Zerstörung: Dem im freien Wettbewerb zerstörten, überholten Alten folgt das Neue, Bessere? Wie schon Schiller im Wilhelm Tell vermerkte: "Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, / Und neues Leben blüht aus den Ruinen…". Aber können wir es uns leisten, bis zum bitteren Ende, also bis zum Kollaps der Finanzmärkte zu gehen, oder muss der US Auffangfonds den freien Fall dämpfen?
Die Gier, d.h. Geiz, Habgier und Habsucht (nicht nur der über ihre Verhältnisse lebenden US-Hauskäufer, der bonusgesteuerten Investmentbanker und Bankmanager) gehört in der klassischen Theologie neben Hochmut und fünf weiteren Charaktermängeln zu den sieben Hauptlastern – also müssen wir mit diesen menschlichen Schwächen rechnen und folgerichtig institutionelle Schranken dagegen aufbauen: Keine falschen Lohnanreizsysteme, verantwortungsvolle und nachhaltige Geschäftsgrundsätze, engere und effizientere staatliche regulatorische Grenzen.
Mehr staatliche Regelungen in unseren mehr oder weniger liberalen westlichen Demokratien? Ist im Wettbewerb der beiden Gesellschaftsmodelle am Ende gar das sozialistische System wohl physisch implodiert aber virtuell siegreich geblieben? Nicht der Markt, sondern der Staat soll es richten!
Nie mehr seit den Sittenmandaten zu Zwingli’s Zeiten haben wir in unseren Breitengraden mehr staatliche
Benimmregeln gehabt. Immer enger soll das persönliche Verhalten der Bürger im Alltag gesetzlich geregelt und gelenkt werden: Wo, wann und was wir essen, trinken, rauchen, kiffen sollen; wann, wo, wie Internet und Handy zu nutzen sind; wo, wie, wann wir wohnen, zur Schule und ausgehen sollen; wo, wann und wie wir fahren, stehen, parken sollen. Seit 9/11 sind die Staatshüter nicht mehr zu bremsen: Da werden persönliche Daten und Videos aus dem öffentlichen Raum gesammelt; die persönliche und elektronische Kommunikation observiert; die massive Präsenz der Polizei soll dem Bürger signalisieren, dass er ständig bewacht und überwacht wird. Nach einer Phase gesellschaftlicher Liberalisierung scheint das Pendel nun zurück zu schwingen. Allerdings führen mehr Regeln in der Regel zu mehr Regelverstössen und nicht zu einem staatlich gelenkten Umdenken.
Mit Ausnahme der immer engeren und komplexeren Vorgaben bei der Rechnungslegung, bei der Revision und als mögliche Folge der Finanzkrise vielleicht bald auch im Finanzsystem, scheinen interessanterweise die Regelungsdichte und der Staatsanteil in anderen Bereichen der Wirtschaft
– wohl unter dem Druck der globalisierten Konkurrenz – abzunehmen. Denken wir nur an die Personen- und Güterfreizügigkeit, Privatisierungen, Parallelimporte, Steuersenkungen und –vereinfachungen wie Flat-Rate-Tax, Easytax, MWSt-Reform usw. An dieser Stelle wünschen wir unserem schwer erkrankten Finanzminister, Herrn Bundesrat Rudolf Merz, gute Genesung. Möge er bald seine grossen Steuerreformvorhaben weiterführen können.
Die grossen Zahlen und die grossen Themen hätten wir nun besprochen, kehren wir zurück zum daily business, wenden wir uns unseren Fachgebieten zu.
In der diesjährigen Herbstausgabe der ORTAG INFORMATION behandeln die HH Alfred Fehlmann, Camille Suter und Martin Oberholzer folgende Themen:
- In den Kurzinformationen weisen wir auf verschiedene Neuerungen bei Steuern und Sozialversicherungen hin.
- Im Anhang gehen wir vertieft auf neue Bestimmungen in der beruflichen Vorsorge, die Unternehmenssteuerreform II, das interne Kontrollsystem IKS bei grösseren Unternehmen sowie die obligatorische Risikobeurteilung bei AG und GmbH ein.
Dürfen wir Sie daran erinnern, dass in der
INFO-Datenbank auf unserer Homepage
www.ortag.ch die Inhalte unserer Hauszeitschrift nach Themen und Stichworten geordnet abgerufen werden können.
Wir wünschen Ihnen einen schönen Herbst. Hoffen wir, dass bald nur noch die Blätter fallen und nicht mehr die Aktienkurse.
Mit freundlichen Grüssen
Roger Werner