» Drucken   » News


Die wundersame Welt der Buchhaltung - eine Beilage zum ORTAG FORUM



Roger Werner
Gattikon, 27. Mai 2007

An die Verwaltung

der Hauseigentümergemeinschaft Gattikon

Lieber Peter

Kürzlich musste ich die Birne in der Lampe bei unserem Haus auswechseln. Ich sende Dir dazu den Beleg über CHF 17.60 zur Verbuchung.

Apropos Verbuchung: Viele Leute haben grosse Scheu und Angst vor all dem was mit Buchhaltung zusammenhängt. Es geht Ihnen schon beim Gedanken daran ein grausliches Schaudern über den Rücken, rauf und runter, kreuz und quer. Das muss nicht sein und ist leider die Folge eines verbreiteten Nichtwissens über die wundersamen Vorgänge in der weiten Welt der Buchhaltung. Nur schon der Begriff Buch kann unsere Phantasie anregen und uns zum Beispiel in die faszinierende und geheimnisumwitterte Klosterbibliothek in Umberto Eccos Roman „Im Namen der Rose“ entführen. Wenn uns allein das Buch an sich zu solch geistigen und emotionalen Höhenflügen verleitet, um wie viel mehr von diesem Nimbus muss also auf den Halter des Buches, den Buchhalter, entfallen. Er ist es, auf den Glanz, Mythos und Machtfülle des von ihm gehaltenen, geführten Buches abstrahlen.

Wer liebt sie nicht, die Bücher, wenn sie auf ihren aufgeschlagenen Doppelseiten ihre köstlichen Geschichten preisgeben. Und präzis so, auf jeweils zwei Seiten präsentiert sich uns auch die Buchhaltung. Die zwei Seiten der heutigen Buchhaltung, der so genannten doppelten Buchhaltung wurden 1494 erstmals vom venezianischen Mönch Luca Pacioli systematisch dargestellt. Welch grandiose Erleuchtung dieses Gottesmannes - die Gliederung allen Geschehens in Ursache und Wirkung, in Soll und Haben, in Aktiven und Passiven. Jedes Vorkommnis in einer Unternehmung, und sei es noch so klein und unbedeutend, findet seinen Niederschlag in einer Soll und einer Haben Buchung und wird dadurch Teil eines Ganzen, trägt bei zu zur Synthese der betrieblichen Wirklichkeit in der Bilanz.

Die Bilanz, sie begegnet uns immer wieder in unserem Alltag. Immer dann, wenn wir Inne halten, unsere aktuelle Lage überprüfen, zurückschauen - dahin woher wir herkommen, vorwärts schauen - dahin wo wir hin wollen, immer dann ziehen wir Bilanz. Je näher das Jahresende rückt, desto häufiger bilanzieren wir, messen unseren Erfolg, planen unsere Zukunft. Genau das Selbe tun die Unternehmen, sie bilanzieren, legen sich und dem Erdenrund Rechenschaft ab und erläutern, beleuchten das Gelingen oder das Misslingen ihrer Pläne. So gesehen ist die Buchhaltung nicht nur eine kalte und nüchterne Wissenschaft sondern auch die Kunst der Offenbarung, die mitten aus dem pulsierenden Leben schöpft; vergessen wir nie, hinter jeder Zahl in der Bilanz steht menschliches Wollen, Streben, Gelingen oder Scheitern.
 

Das Symbol der Jahrhunderte alten Wissenschaft von der Buchhaltung ist das Kreuz, das Kontokreuz. In genial einfacher Weise lässt sich damit die Ordnung in der Welt der Unternehmenszahlen darstellen. Das Konto, sei es im Debit oder im Credit, stellt die innerste Zelle im Kosmos der Buchhaltung dar. Und welche Fülle von Konti ist vorstellbar, welch profane Bezeichnungen wie „Postcheckkonto“, „Reisespesen“ oder „Abfallentsorgungs-gebühren“ aber auch welch geheimnisvolle Posten können wir da finden. Denken wir zum Beispiel an die Position „Transitorien“ so geht uns ein metaphysisches Schaudern über den Rücken, rauf und runter, kreuz und quer. Die Buchung im Transit, vorübergehend, von kurzer Verweildauer, sie markiert den Übergang von einer Zeit in eine andere Zeit. Vielleicht so wie ein Schwarzes Loch im Weltall alles aus der Jetztwelt verschluckt und in der Anderswelt wieder abgibt, gerade so transponiert das Konto „Transitorien“ Geschehenes oder Erwartetes von der vergangenen auf die folgende Buchungsperiode.

In früheren Zeiten war den Nobeln und Vornehmen ihr Siegel das Zeichen von Macht und Würde. Das Siegel des Buchhalters ist der Buchungsstempel. Mit beinahe schon imperialer Geste setzt der Herr der Bücher seinen Buchungsstempel auf das Papier und adelt damit einen simplen Zettel zum Buchungsbeleg. Mit akkurater Präzision setzt er daraufhin seine Geheimzeichen für Konto, Gegenkonto, Kostenart, Kostenstellen usw. sowie das Datum des historischen Geschehens ein. Der Schlüssel zum Geheimcode der Kontonummern ist der Kontoplan. Die Flasche Veuve Clicquot auf der Quittung der Lola-Bar wird durch die Kontonummer 4816 zum Saldo des Kontos Repräsentationsspesen hinzugefügt und durch diese Einordnung wird der nächtliche Ausflug des Chefs zum segensreichen Wirken für die ganze Unternehmung.
 

Nichts auf der Welt kann ungeschehen gemacht werden. Was war, das war. Aber wieder gutmachen, korrigieren kann man vieles. So wie im Leben ist es auch in der Welt des Buchhalters. Er braucht dazu nicht wie Harry Potter die Magie und Zauberei, sondern den heissgeliebten Stempel „Storno“. Ein gewisses kritisches Mass an Stornobuchungen sollte jedoch nie überschritten werden, sonst beginnt der Argwohn des Revisors unangenehme Ausmasse anzunehmen und im Himmel des Buchhalters ist die Hölle los.

Die Revisoren, die meist streng blickenden Damen und Herren der Revisionsstelle, sie prüfen - entsandt von oben - periodisch das Wirken und Bilanzieren der Unternehmen, rauf und runter, kreuz und quer. Nicht immer muss ein erwarteter Revisorenbesuch ein so dramatisches Geschehen auslösen wie in Nikolaj Wassiljewitsch Gogols 1835 erschienenem Drama „Der Revisor“. Meist wirken diese Prüfer nicht als Geisel der Menschheit sondern sie sind schlicht das finanzielle Gewissen der Unternehmung und schauen, dass das Soll und Haben in Ordnung ist und bleibt.
 

Nur soviel sei hier zur wundersamen Welt der Buchhaltung angemerkt.

Lieber Peter, ich bin wohl etwas abgeschweift, ich bitte Dich also mit der beigelegten Quittung in besagter Weise zu verfahren und mir die CHF 17.60 gelegentlich in den Briefkasten zu legen. Besten Dank.

Mit freundlichen Grüssen

Roger Werner

NB: Erschrick nicht ob den CHF 17.60. Die Lampe hat eine Brenndauer von 15'000 Stunden oder über 10 Jahren, sie geht somit ungefähr zusammen mit mir in Pension. Du hast demzufolge für geraume Zeit keine diesbezügliche Buchung mehr vorzunehmen.

PS: Soeben erfahre ich vom Nachbarn, dass die Lampen auf unseren allgemeinen Gehwegen von den durch sie Erleuchteten unterhalten werden müssen und nicht aus der gemeinsamen Kasse finanziert werden. Somit buche ich mit einem vernehmbaren Seufzer die CHF 17.60 bei mir ab. Bitte erachte deshalb den Anlass dieses Briefes als gegenstandslos.

© ORTAG