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Reiseführer Budapest – eine Beilage zum ORTAG FORUM



Roger Werner
Schweiz
Oskar und Tamara
Deutschland

Gattikon, 27. Mai 2007

Budapest - at its best

3 Spaziergänge durchs historische Budapest in 4 Kapiteln

Lieber Oskar, liebe Tamara

Schön dass Ihr drei oder vier Tage nach Budapest gehen könnt. Ihr fragt mich nach ein paar Tipps für Budapest-Reisende – nun, viel weiss ich auch nicht, will mich aber redlich bemühen anekdotisch etwas zusammenzutragen (sauf erreur et omis!!). Ich werde neben dem Touristischen auch etwas das Historische streifen: Ohne zu wissen wie’s kam, ist das was ist, meist schwerlich zu verstehen. Mit „Jò napot Kivanok“, „Hogy vagy“ und „Köszönem szepèn“ könnt Ihr die Magyaren begrüssen, nach dem werten Befinden erkundigen und Euch bedanken für erwiesene Höflichkeiten. Ein kurzes „igen“ für ja und „köszenem nem“ für nein Danke – und Ihr habt einen Platz im Herzen der Budapesti als polyglotte und willkommene Gäste.


1. Mein Hotel, seine Umgebung und eine Einführung in die ungarische Geschichte

1.1 Vom Gellert, dem Baden und Buda und Pest

Quartier nehme ich jeweils im Hotel Gellert. Das 1918 erbaute Jugendstilgebäude an bester Lage am Donauufer atmet den etwas morbiden Charme der Grandhotels der vorletzten Jahrhundertwende. Gellert heisst’s übrigens, weil’s am Fuss des Gellertberges mit dem Denkmal des Heiligen Bischof Gellert liegt. Diesen haben die damals (um das Jahr 1000) heidnischen Ungarn in ein Holzfass gesteckt und in die Donau geworfen (Ob er schon im Schwarzen Meer angekommen ist, weiss man nicht). Auf dem Gellerthügel stehen auch die Zitadelle und die nach dem Ende der Naziherrschaft errichtete 40 m hohe bronzene Freiheitsfrau mit dem Palmenzweig. Wenn Ihr etwas fürs Gemüt und die Fitness tun wollt, solltet Ihr den Hügel erklimmen. Angebaut am Hotel ist das Gellert Bad. Ein Jugendstiljuwel mit Mosaiken, bunten Glasfenstern und Statuten in einem grandiosen Badetempel. Ihr könnt vom Hotel im betagten Lift, wohlversehen mit hoteleigenem Bademantel und Badelatschen, direkt ins Bad fahren. Budapest hat eine grosse Bäderkultur: Schon die römischen Legionen labten ihre müden Glieder im pannonischen Heilwasser. So richtig los mit Baden ging’s jedoch erst im 16. und 17. Jahrhundert, als die osmanischen Türken-Paschas in Budapest herrschten. Original türkische Bäder hat es noch etwa fünf oder sechs in Budapest.



Ermattet vom Bade könnt Ihr Euch nun im Gellert Terrassenrestaurant niederlassen mit Blick über die Donau und Pest. Apropos Buda und Pest: Westlich der Donau, dort wo das Gellert steht und der Burghügel aufragt ist Buda, östlich liegt Pest. Die heute bald 2 Mio. Einwohner zählende Stadt (bei 10 Mio. Ungarn) wurde 1873 (nach dem „Ausgleich“ mit Österreich und der Krönung Kaiser Franz Josefs zum König von Ungarn) durch Zusammenlegung von Buda, Obuda und Pest geschaffen. Wenn Ihr jetzt also Eurer Sör (Bier), Bor (Wein) oder Kavè (Kaffee) bestellt habt, könnte es vielleicht nicht schaden, etwas über die frühe ungarische Geschichte zu erfahren.


1.2 Vom Ural ins christliche Mittelalter bis zu den Türken


Arpad

Das Land der grossen Ebenen, von Donau, Theiss und Plattensee, war schon in der Urzeit bewohnt. In der Gegend Tatabany/Vértesszélös hat man eine 500'000 Jahre alte steinzeitliche Siedlung entdeckt, neben Heidelberg der bedeutendste Fund aus dieser grauen Vorzeit. Viel später siedelten dort verschiedene Völker keltischen Ursprungs. Kurz vor der Zeitenwende kamen die Römer (wo waren die nicht?) und gründeten nach etwas blutigen Begrüssungsritualen die Provinz Pannonien und die Siedlungen Sopron, Pécs, Györ und Budapest, das sie Aquincum nannten. In der Zeit des Verfalls des römischen Reiches war überall ein riesiges Geläuf (idyllisch als Völkerwanderung bezeichnet) und bald tauchten auch die Ungarn auf.

Vor bald 4000 Jahren lebte hinter dem Ural ein finnougrisches Volk. Nach 3000 Jahren mehr oder weniger friedlichem Fischen, Jagen und Rentierzüchten wollte dieses mal die Location wechseln – die eine Hälfte zog nordwestlich nach Finnland die andere südwestlich in die ungarische Tiefebene. Dorthin zog infolge Klimawechsels (sic!) im 5. Jahrhundert, zurzeit der Völkerwanderung, bereits das wilde Reitervolk der Hunnen, welches unter Attila die Römer, Kelten und sonstigen westeuropäischen Völker in Angst und Schrecken versetzte. Über die Karpaten, in die Karpatentiefebene, nach Transdanubien und Siebenbürgen wanderte also damals im Jahre 895 der Magyarenfürst Arpad mit seinen Getreuen. Weil’s Reisen so schön war, zogen die magyarischen Truppen immer wieder mal plündernd ins westliche Europa. Erst Kaiser Otto I setzte diesem wüsten Treiben 955 in der Schlacht am Lechfeld (bei Augsburg) ein Ende. Kaum sassen dann die Magyaren wieder friedlich zu Hause am Ufer der Donau, entdeckte die Kirche das neue Völklein. Im Spiel „Geld und Macht gegen Seelen“ obsiegte Rom über die Ostkirche. Arpads Enkel Gezà taufte sein Volk mit Schwert und Weihwasser; Gezàs Sohn Stephan wurde ums Jahr 1000 erster ungarischer christlicher König und organisierte sein Reich nach westlichem Muster von Estergom aus. Im 13. Jahrhundert, als sich die christlichen Ritter Westeuropas in den Kreuzzügen blutige Köpfe holten, stürmten die Mongolen oder Tataren unter Dschingis Khan durch Ungarn. Wie so oft auch in der ganzen späteren Geschichte Ungarns war der Feudaladel, die Magnaten, zerstritten und uneins und der Pabst und die westlichen Herrscher waren anderweitig beschäftigt und konnten Ungarn nicht beistehen. Schliesslich konnte man sich doch noch auf den Bau der Festung Buda einigen und die Mongolen zogen verwirrt von dannen.

o rauften sich die Magnaten und die europäischen Adelsfamilien durch das 14. und 15. Jahrhundert um den ungarischen Thron bis 1463 Matthias Corvinus dem Habsburger Friedrich III die Stephanskrone entriss. Dieser Renaissancefürst Matthias führte Ungarn nach italienischem Kulturvorbild zu später nie wieder erreichter Macht und herrlichem Glanz. Der ungarische Hof überstrahlte und beherrschte für kurze Zeit halb Europa. Das Denkmal für Matthias Corvinus werdet Ihr beim Spaziergang zum Heldenplatz sehen. Nach Matthias Tod begann wieder nach üblicher Manier das Machtgerangel der Magnaten. Dies nützen die schon seit Jahrhunderten immer wieder Richtung Wien ziehenden osmanischen Türken aus und eroberten grosse Teile Ungarns. Im ungarischen Nationalepos „Sterne über Eger“ wird der heldenhafte, letztlich doch vergebliche Kampf des tapferen Burghauptmanns Dobo Istvan von Eger gegen die Türken sehr lebendig beschrieben (empfehlenswerte Lektüre für Klein und Gross). Nach der gewonnenen Schlacht von Mohacs (1526) blieben die Türken unter Süleyman I mehr oder weniger ständig in Ungarn und bedrängten die westlichen Mächte. Erst 1686 konnte Prinz Eugen von Savoyen die Stadt Ofen, das frühere Buda, von den Türken befreien. Von nun an ging es bergab mit dem osmanischen Reich (der kranke Mann am Bosporus), dies ging so weit, dass die Westeuropäer die Osmanen im Kampf gegen das expansive Russland im Krimkrieg 1878 wieder unterstützten. So wären wir also nach einer kurzen Reise in die Vergangenheit wieder bei den Türken und ihren Bädern angekommen. Nun schauen wir noch kurz die Donau rauf.


1.3 Von den Donaubrücken

Vom Gellert donauaufwärts sehen wir vier Brücken, ungarisch Hid: Szabadsàg, Erzsèbet, Szécheny und Margit hid. Nach der Margit hid folgt die Margareteninsel und dann noch die Arpad hid. Die Margareteninsel ist eine der schönsten Parkanlagen Budapests, man kann dort sehr schön flanieren. Die Insel ist eine natürliche Aufschwemmung und beherbergte früher ein Dominikanerkloster – eine der Nonnen war die Königstochter Margaret. Die Türken richteten ihr Harem auf der Insel ein. Heute hat’s keine Nonnen und Haremsdamen mehr, nur noch Spaziergänger, ein Thermalbad, den Wasserturm mit Aussichtsplattform und schöne Gartenrestaurants. Kommen wir aber zurück zu den Brücken und ihren Namen. Die schönste, damals erste feste Verbindung über die Donau und zweifellos auch imposanteste ist die nach Graf Istvan Széchenyi benannte Kettenbrücke. Graf Széchenyi hat die Brücke in der Zeit des (nur bedingt erfolgreichen) Freiheitskampfes der Ungarn gegen die österreichische Herrschaft mit englischen Konstrukteuren bauen lassen. Das technische Wunderwerk wurde 1849 fertiggestellt. Die heutige Brücke ist eine Replika des von den Deutschen 1946 gesprengten Originals. (Die Deutschen haben beim Rückzug im 2. Weltkrieg alle Donaubrücken zerstört). Die Erzsébet hid ist eine moderne Hängebrücke und wichtigste Verkehrsachse. Sie steht an Stelle der 1945 ebenfalls gesprengten, in der Gründerzeit um 1900 gebauten, der überaus beliebten Kaiserin und Königin Sissy gewidmeten Brücke. Bis 1926 war sie die längste Hängebrücke der Welt. Ich nehme an, Ihr habt mittlerweile Euer Sör oder Bor ausgetrunken und wir können uns nun auf einen kleinen ersten Stadtrundgang begeben.

2. Ein Spaziergang vom Gellert in die Pester Altstadt (Belvàros), von Paprika zur Mehlspeise

2.1 Von der Szabadsàg Brücke zur Markthalle und zur Wirtschaftsuni



Nach dieser kleinen Brückenkunde gehen wir nun vom Gellert in Buda über die Szabadsàg Brücke (Freiheitsbrücke, 1899 als Franz Joseph Brücke erbaut, Ihr könnt noch die Plakette mit dem Monogramm F.J. auf der Budaer Seite sehen) nach Pest hinüber. Flussabwärts liegt die Petöfibrücke, die ich vorhin vergessen habe. Die Altstadt von Pest (soweit sie noch vorhanden ist), auch Belvàros genannt, ist ein Zeugnis des Ehrgeiz der Ungarn, der Residenzstadt Wien nachzueifern. Als erstes auf der Pester Seite der Donau sieht man rechts die alte Pester Markthalle, den zentralen Lebensmittelbasar. Eine riesige Stahlkonstruktion nach dem Vorbild der Pariser Halles, Ende des 19. Jahrhunderts gebaut und sicher beinahe 200 Meter lang. Um das lebhafte Markttreiben mitzuerleben, muss man allerdings am frühen Vormittag hingehen. Schwarz gekleidete Marktfrauen und Bauern in bunten Trachten (und derart verkleidete Händler) bieten hier ihre Debrezinerwürste, scharfen Paprika, Pic Salami, Gänseleber und sonstiges Gemüse, Fleisch, Geflügel und Tranksame an. Hier noch etwas zur Paprika: Der Szegeder Professor Albert Szent Györgyi wies 1932 als erster den hohen Vitamin C Gehalt von Paprika nach und erhielt dafür den Nobelpreis. Es gibt süssen Paprika Edes, Fèledes, halbsüss und scharfen Erös Paprika mit Dutzenden von Variationen, der beste soll von der Gegend Kalocsa kommen.

In Ungarn ist die Wirtschaftswissenschaft nahe beim Markt (zumindest geografisch). Gleich um die Ecke bei der Markthalle ist die Wirtschaftsuni. Das in den 1870-ern als Hauptzollamt (Vàmhàz) gebaute etwas monströse Neo-Renaissancegebäude ist architektonisch einen Besuch wert, erhalten sind schöne Treppenhäuser und der glasbedachte Festhof.

2.2 Durch die Einkaufstrasse Vàci utca zum Vörösmarty und Palatschinken

Wenden wir uns nun nach links, also parallel zur Donau flussaufwärts, kommen wir in die Vàci utca. Utca müsst Ihr Euch merken, heisst Strasse, Platz heisst Tèr. Die Vàci utca ist die Konsumrausch-Strecke der Budapester und der Touristen. Die sicher einen Kilometer lange autofreie Strasse ist eine Mischung zwischen Soho in London, Bahnhofstrasse in Zürich und Kärtnerstrasse in Wien (oder so ähnlich). Durchgehen, sich treiben lassen, bei genügend Forintvorrat was kaufen (1000 Forint sind etwa 6 Franken, eine Million entsprechend mehr). Ich bleibe meist in den Buchantiquariaten hängen. Aus all den schönen Gründerzeit und Jugendstilfassaden (man muss den Kopf anheben und die Stockwerke über den MacDonalds und Prada-Läden anschauen) steht an der Kreuzung Kigyò utca das vielleicht schönste Geschäftshaus Budapests, der Pariserhof (Pàriszi udvar). Ein Meistwerk der Gründerzeit, mit Jugendstil Bleiglasfenstern, neogotischen Schnörkeln und gemütlichem Cafe in der zentralen Halle. Stimmungsvoll sind auch all die Hinterhöfe und Seitengassen der Vàci utca. Ultimatives Ziel des Wanderers auf der Vàci utca ist deren lebenslustiges nördliches Ende: Der Vörösmarty tèr, ein Hauch von Montmartre. In einem schönen Gebäude hat hier der schweizerische Konditor Monsieur Emil Gerbeaud 1858 das gleichnamige Kàvèhàz (Kaffeehaus! ist doch klar) gegründet. Für teures Geld wird hier den Touristen Gundel-Palatschinken, Somlauer Nockerln, Bècsi Kàvé, Puncsdeszert, Csokolàdètortam, Pogàcsa, und weiss ich nicht was, angeboten. Muss man gesehen haben – und wenn man anschliessend Bauchschmerzen hat, ordert man noch einen Pàlinka oder einen Unicum, appenzellerähnlich und hier auch Medizin des Dr. Zwack genannt. En Guete heisst auf ungarisch Egèszègère.


3. Ein Spaziergang durchs Burgviertel und durch die neuere ungarische Geschichte

3.1 Vom Burgviertel, der Königsburg, der Mathiaskirche und dem Ausblick von der Fischerbastei



Am nächsten Morgen bleibt Ihr vielleicht auf der Budaer Seite der Donau. Vom Gellert geht Ihr am Flussufer aufwärts bis Ihr zur 100 jährigen Standseilbahn (allerdings vor einiger Zeit vom Dampfbetrieb auf Elektroantrieb umgestellt) auf der Höhe der Kettenbrücke kommt. Hier geht’s rd. 100 Meter hinauf auf den Burgberg. Ich hab’ Euch ja von den Mongolenangriffen im 13. Jahrhundert berichtet – just in dieser Zeit wurde die erste Burg hier oben gebaut. Seither wurde im Burgviertel ständig umgebaut je nach Geschmack der jeweiligen Herrscher: Mathias Corvinus, die Türkenpaschas, Kaiser Franz Josef; also gotisch, Renaissance, türkisch, barock und gründerzeitlich. Die Burg beherbergt heute neben dem Staatspräsidenten viele Museen und die Landesbibliothek. Die um 1900 für Romantiker und nicht für kriegerische Zwecke gebaute Fischerbastei bietet am Abend einen grandiosen Rundblick über die Donau und den Pester Teil der Stadt, Blickfang ist das neogotische oder eklezistische Parlamentsgebäude aus der vorletzten Jahrhundertwende mit der riesigen Kuppel. Bevor Ihr wieder in die Stadt runter geht lohnt sich ein Besuch in der Mathiaskirche. Hier, resp. in der 700 jährigen Vorgängerkirche soll der legendäre Mathias Corvinus geheiratet haben (wen weiss ich auch nicht mehr). Sein Reiterdenkmal, ohne Braut, steht auf dem Kirchplatz. In der Kirche mit dem gotischen Kirchturm ruht in einem prunkvollen Sarkophag der mittelalterliche (regierte im 12. Jahrhundert) König Bela III. Unter dem Burgberg hat es ein riesiges Höhlenlabyrinth wo schon die Türken hausten und die Deutschen im 2. Weltkrieg 20'000 Soldaten versteckten. Wer sich vom Untergrund angezogen fühlt, kann die Höhlen besuchen.


3.2 Vom Ende der Türkenherrschaft bis zur k. und k. Monarchie



Wenn Ihr wieder vom Burgberg runter an die Donau zur Kettenbrücke kommt wäre es vielleicht angebracht, nochmals etwas über deren Initiator, den Grafen Szèchenyi und seine Zeit zu erfahren. Wie schon erwähnt, konnten die Habsburger gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Türken aus Ungarn vertreiben. Sie regierten fortan in Ungarn mit strenger Hand. Fürst Ferenc II Ràkoczi hat im Kuruzenaufstand erfolglos den Aufstand versucht gegen die Steuern und das absolutistische Gehabe der Österreicher in Ungarn.1722 hat Ungarn die habsburgischen Rechte und deren Erbfolge (Pragmatische Sanktion) anerkannt. Maria Theresia, die mächtigste europäische Herrscherin in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und ihr Sohn Josef II übertrieben die herrscherliche Strenge etwas und machten sich dadurch in Ungarn nicht gerade beliebt. Später brauchten die Habsburger Geld für die Kriege gegen Napoleon, Ungarn wurde mit Zustimmung der ungarischen Adligen, die sich in Wien nicht unkonfortabel eingerichtet hatten, richtig ausgeblutet. Dies alles förderte in Ungarn die Bereitschaft zur Revolution nach Manier der Franzosen. Im Revolutionsjahr 1848 standen alle die Leute im Vordergrund, die heute die Strassennamennomenklatura einer jeden ungarischen Siedlung dominieren: Graf Batthyàny, Graf Szèchenyi, Ferenc Deak (auf der 20'000 Forint Note), der Dichter Sàndor Petöfi (hängt die Fürsten auf….) und der Politiker Lajos Kossuth und noch manche andere. In ihrer Not riefen die habsburgischen Österreicher den russischen Zaren zur Hilfe mit deren Hilfe die ungarische Revolution niedergeschlagen wurde. Dank dem Charme der österreichischen Kaiserin Sissi und der schönen Uniform von Kaiser Franz Josef fand man eine mehr oder weniger einvernehmliche Lösung, was als „Ausgleich“ in die Geschichte eingegangen ist. Mit der bereits erwähnten Königs-Krönung von Franz Josef und Sissi (nicht zu verwechseln mit Romy Schneider) in der Mathias Kirche begann dann die glanzvolle Zeit der k. und k. Monarchie Österreich-Ungarn. In dieser Zeit, der Gründerzeit, entwickelte sich Budapest unter der Regierung von Graf Andràssy zur glanzvollen zweiten Residenzstadt neben Wien, deren Gründerzeit- und Jugendstil-Bauten in Belvàros noch heute die Touristen anziehen.

3.3 Vom Schicksal des Grafen Szèchenyi

Lieber Oskar, liebe Tamara, ich hoffe ich habe Euch nicht allzu sehr strapaziert mit der ungarischen Geschichte des 19. Jahrhunderts, wenigstens könnt Ihr nun all die Budapester Strassen- und Platznamen den richtigen historischen Persönlichkeiten zuordnen. Übrigens der Feldmaschschall Radetzky, der in Serbien die habsburgischen Interessen blutig verteidigte, war nicht auf Seite der Ungarn – Radetzkystrassen gibt’s trotzdem. Als faszinierendste Gestalt in dieser wirren Zeit empfinde ich den Grafen Istvàn Szèchenyi. Als wertkonservativer Liberaler (und damit als Gegenpol zum radikalen Layos Kosuth) politisierte er taktisch klug für eine moderate Unabhängikeit, förderte er die ungarische Sprache, lies die Eisenbahnen und Schiffswerften ausbauen und setzte sich mit dem Bau der Kettenbrücke in Budapest und dem Tunnel durch den Burgberg ein bleibendes Denkmal. Noch heute, beinahe hundert Jahre später, ist diese Route eine der wichtigsten Verkehrsverbindungen in der ungarischen Hauptstadt. Für uns Eidgenossen ist Graf Szèchenyi (1791-1860) mit Alfred Escher (1819-1882), dem Protagonisten zum Aufbruch in die moderne Schweiz vergleichbar. Graf Szèchenyi studierte Michel de Montaigne (mein Lieblingsautor), Rousseau und Adam Smith, war ein eleganter Dandy mit weltbürgerlicher Leichtigkeit und byronischem Weltschmerz und gleichzeitig ein fortschrittsgläubiger, tatkräftiger Visionär. In dieser Mischung war er sicher einer der grössten und sympathischsten Ungarn. Er schuf das moderne Ungarn. Lesenswert ist seine Biographie von Andreas Oplakta, erschienen im Paul Zsolnay Verlag, aber auch die kleine im Terebess Verlag erschienene „Morgenländische Fahrt von 1818/19“. Unter der Last der Zeitenläufe brach er - der sich mit seiner Redlichkeit zwischen alle Stühle gesetzt hat und doch immer mitten im Geschehen war- zusammen und fristete seine letzten zwölf Jahre in der Irrenanstalt von Döbling bei Wien und erschoss sich am 7. April 1860. Ein gleichermassen heroisches und tragisches, ein grosses Schicksal.

4. Ein Spaziergang vom Parlament zur Andràssy ut

4.1. Vom Parlament zum Gresham Palast und zum Stephansdom

Heute ist schon der dritte Tag Eures Budapestaufenthaltes. Vielleicht nimmt Ihr die U-Bahn, die Strassenbahnlinie 2 der Donau entlang oder Ihr entert ein Donauschiff und landet am Kossuth tér (Ihr wisst nun ja wer Kossuth war) auf der Pester Seite der Donau. Zur U-Bahn nur soviel: Es scheint dass die budapester U-Bahn die erste des Kontinents war: Seit 125 Jahren befördert sie die Reisenden von einer jugendstil-schmiedeisernen Station zur nächsten. Wenn Ihr nun also irgendwie am Kussuth tèr angelangt seid, werdet Ihr sicher das Parlament (das Ihr schon von der Fischerbastei herab bewundert habt) besichtigen. In diesem neugotischen oder Multistielgebäude sind die ungarischen Krönungsinsignien ausgestellt die seit 1945 von den USA gehütet worden waren. (ausgerechnet Kronen im republikanischen Volksvertreterhaus; nun bis zur Wende prangte auf der 96 Meter hohen Kuppel ja auch der rote Stern der Kommunisten). Sternstunde dieses 1885 begonnen Monsterbauwerkes mit 691 Räumen war sicher der 23. Oktober 1989 als aus der kommunistischen Volksrepublik die demokratische Republik Ungarn wurde. Solltet Ihr es geschafft haben, in diesem bürokratischen Monstrum eine Führung zu buchen, gratuliere ich Euch. Nun ja, sei es wie es ist, gehen wir munteren Sinns und in aufgeräumter Stimmung weiter, genehmigen uns ein kleines Sör und gelangen donauabwärts entlang dem Szèchenyi rakpart zur Euch bereits bekannten Szèchenyi Brücke am Roosevelt tèr. Hier steht der prunkvolle Gresham Palast, heute das Hotel Four Seasons (Ihr müsst Euch mal in der Halle umsehen).Um 1900 von der englischen Versicherung im puren Jugendstil gebaut soll es vermutlich zeigen, wie schön und sorglos man leben kann, wenn man nur die richtige Versicherung hat. Sir Thomas Gresham, der Gründer der Londoner Börse schaut heute noch von der Fassade herunter (Falls er mittlerweile nicht durch den Gründer von Four Seasons ersetzt worden ist). Höhepunkt der jüngeren Geschichte an diesem Platz war die Krönung von Franz Josef mit seiner Sissi zum ungarischen König im Jahr 1867 nachdem sich die Ungarn mit ihren habsburgischen Herrschern arrangiert hatten. Wie historisch richtig und herzerweichend im Sissi-Film dargestellt, wurde hier mit Erde aus allen ungarischen Komitaten ein Krönungshügel aufgeschichtet und Franz Josef gelobte, Ungarn zu lieben und von seinen Feinden zu beschützen. Vom Schwur und vom Hügel ist nichts mehr geblieben.

Durch die Jozsef Attila Strasse (einige Schritte nördlich der grossen Kreuzung) kommt Ihr jetzt zur Basilika, dem Stephansdom. Die grösste Kirche in Budapest (Baustiel Gründerzeit) dürfte heute mit ihrem Fassungsvermögen von 10'000 Gläubigen etwas gar gross sein. Damit die Kirche im Dorf bleibt, ist die Spitze exakt 96 Meter hoch wie die Parlamentskuppel!


4.2 Von der Andràssy ut und dem vornehmen Leben in Budapest

Gehen wir zurück zur feudalen Andràssy ut. Die ut ist die grosse Schwester der kleinen Utca, vom Strässchen. Benannt nach dem Grafen und Ministerpräsidenten, den wir bereits kennen gelernt haben, wurde die Strasse im ausgehenden 19. Jahrhundert als einheitliche, zwei Kilometer lange Prachtstrasse nach dem Vorbild der Pariser Boulevards gebaut. Hier eine Stadtwohnung oder ein Büro zu haben, braucht schon einige Forint! Das Besichtigungsprogramm: Spazieren, schauen, geniessen, in ein Strassenkaffee sitzen. Einige Highlights will ich noch kurz erwähnen: Die Staatsoper, ein reich verziertes Gründerzeitmonument. An der Fassade gibt’s viel zu schauen, z.B. den Franz Liszt. Ihm ist auch einige hundert Meter weiter ein Museum gewidmet. Dieser Komponist und Klaviervirtuose aus dem Burgenland, den Stammlanden der Fürsten Esterhazy, ist einer der Urväter der ungarischen klassischen Musik und wohnte ab 1879 hier. Sehens- und bedenkenswert ist die Ausstellung im Museum Haus des Terrors. In diesem ehemaligen Haus der Stasi werden die Gräueltaten des faschistischen und kommunistischen Terrors dokumentiert. (Politisch aufgearbeitet ist die Zeit noch nicht richtig, immer wieder kommt was unter dem Deckel hervor und irritiert das aktuelle politische Geschehen. Unklar ist auch die Beziehung der Ungarn zu den Juden und Zigeunern). So nun lasse ich Euch alleine weiterwandern, bis Ihr am Ende der Andràssy ut erschöpft am Stadtwäldchen, am Vàrosliget ankommt. Hier könnt Ihr Euch ausruhen und die Seele baumeln lassen und vielleicht im Inselrestaurant Robinson eine ungarische Gäseleber (Liba Màj) essen. Ein Standardgericht ist das Letschofleisch, Gericht aus Paprika, Tomaten, Zwiebeln und irgend einem Stück Fleisch oder Wurst. Wer’s umgekehrt will, mehr Fleisch und weniger Gemüse, nimmt ein Gulasch.

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Ich hoffe, ich hab Euch einen kleinen Eindruck von der schönen Stadt Budapest und ihrer äusserst interessanten, auf einem Stadtrundgang noch heute erlebbaren Vergangenheit geben können. Vom ersten Weltkrieg, als Ungarn 1919 im Vertrag von Trianon ¾ seines Territoriums verlor, können Euch die älteren Ungarn noch erzählen. Im zweiten Weltkrieg standen die Magyaren wieder auf der falschen Seite, das Wirken der ungarischen antisemitischen Pfeilkreuzler ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte. Die Rettungsaktion des schweizerischen Diplomaten Lutz zugunsten der Budapester Juden wurde kürzlich mit einer Gedenktafel gewürdigt. Von der Zeit unter russischer Herrschaft hab ich nicht erzählt – eine eher düstere Epoche. Von der aktuellen Politik will ich auch nicht sprechen. Zwei verfeindete Lager, die regierenden Altkommunisten unter dem Privatisierungsmillionär Ferenc Gyurcsány und die nationalkonservative, mit dem Revanchismus zündelnde Opposition unter Viktor Orbàn bekämpfen sich bis aufs Messer – zum Regieren kommen sie kaum (Ihr erinnert Euch an die ständigen Querelen der Magnaten). Ungarn stand nach dem Untergang des Gulasch- oder Paprikakommunismus an vorderster Front um wirtschaftlich zum Westen aufzuschliessen. Genutzt hat man die Chance kaum, die Wirtschaftslage ist zur Zeit eher schwierig. In den deutschsprachigen Zeitungen könnt Ihr genaueres darüber erfahren.

Wie sagt doch wehmütig der alte römische Kommandant als er aus Ungarn abreisen musste: „Extra Hungariam non est vita: si est vita, non est ita!“

Viszontlàtàsra!

Roger Werner

PS: Mit den deutschen und den ungarischen Akzentegü hat mein Computer Mühe, mal schauen die Strichli zurück, mal vorwärts, mal fehlen sie ganz oder sind fehl am Platz. Hoffe Ihr könnt’s (könnts, könnt es) trotzdem verstehen.

PPS: Es gäbe ja noch so viel anzuschauen in Budapest, auch fidele Schifffahrten auf der Donau sind immer wieder schön, aber Ihr habt ja nur drei Tage. Über das Schreiben von Reiseführern habe ich mal gelesen: Er muss so geschrieben sein, dass man bei der Lektüre so mitlebt, dass man gar nicht mehr hinreisen muss – hinreisen muss man dann trotzdem, um zu schauen ob’s wirklich so ist.

© ORTAG